Programmkalender

Programmkalender

  • Heute
  • Jetzt
09.05.2026, 23.45 - 23.50 Uhr | Das Erste

Das Wort zum Sonntag

spricht Annette Behnken, Hannover

  • Stereo
  • UT

„Raum geben“
An der Leipziger Universitätskirche sammeln sich Menschen, legen Blumen ab, zünden Kerzen an, schweigen, weinen, umarmen einander. Suchen Halt. Und finden Raum für das Unsagbare.

Anfang der Woche war es, am Montagnachmittag. Ein Mann ist mit dem Auto durch eine Fußgängerzone in Leipzig gerast. Eine Frau und ein Mann kamen ums Leben. Viele Menschen wurden verletzt, einige schwer. Etwa 80 Augenzeugen mussten von Helfern, Seelsorgerinnen und Seelsorgern betreut werden.

An der Leipziger Universitätskirche sammeln sich Menschen, legen Blumen ab, zünden Kerzen an, schweigen, weinen, umarmen einander. Suchen Halt. Und finden Raum für das Unsagbare.

Anfang der Woche war es, am Montagnachmittag. Ein Mann ist mit dem Auto durch eine Fußgängerzone in Leipzig gerast. Eine Frau und ein Mann kamen ums Leben. Viele Menschen wurden verletzt, einige schwer. Etwa 80 Augenzeugen mussten von Helfern, Seelsorgerinnen und Seelsorgern betreut werden.

Viele Menschen treffen sich am Tag danach in der Leipziger Nikolaikirche. Sie gedenken der Opfer und Verletzten. Suchen nach Worten und nach Halt. Menschen, die vor Ort waren, als die Tat geschah, berichten während der Andacht von ihren Erlebnissen. Ein Ehrenamtlicher des Kriseninterventionsteams beschreibt die Arbeit der ungefähr 30 Ehrenamtlichen: „Wir ordnen Emotionen ein, als normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis.“

Für Angehörige und Augenzeugen hat sich schlagartig das Leben verändert. Sie trauern um die, die ums Leben gekommen sind. Um die, die schwer verletzt sind und mit den Folgen leben müssen. Sie haben einen Moment ganz entsetzlichen Ausgeliefertseins und Ohnmächtigseins erlebt.

Für solche Erfahrungen brauchen wir Raum. Raum für Sprachlosigkeit, für Stille, für Fassungslosigkeit, Erschütterung und Trauer.
Die Kirchen der Stadt sind solche Räume. Menschen zünden Kerzen an. Manche sitzen einfach still da, andere sprechen mit Seelsorgern, die zuhören. Dasein. Mitaushalten. Raum geben für das Unsagbare

Ich bin mehr oder weniger weit entfernt von dem Geschehen. Ich kenne niemanden in Leipzig. Mein Alltag läuft weiter, ich bin abgelenkt, habe so meine eigenen Themen und andere Nachrichten bestimmen mittlerweile die Schlagzeilen. Aber ich möchte das nicht einfach so beiseitelegen und zur Tagesordnung oder -unordnung übergehen. Diese Ohnmacht, die ich oft spüre, wenn etwas so Schreckliches passiert. Wenn mich so ein Ereignis daran erinnert, wie schnell alles vorbei sein kann.

Ich merke, wie wichtig Menschen und Orte sind, die Raum geben. Wo ich keine Erklärung finden muss für etwas, das kaum erklärbar ist. Keine Ratschläge bekomme. Sondern einfach da sein kann. Die kühlen, alten, starken Kirchengemäuer um mich, die Räume öffnen – auch in meinem Innern - für das, wofür ich keine Worte habe. Für mich sind das manchmal Kirchen, manchmal auch der Wald, das Meer, das Sofa meiner Freundin. Das sind Orte, die auch später noch da sind. Tage, Wochen, Monate nach solchen Erlebnissen. Weil sich Trauer und Ohnmacht nicht an Zeitpläne halten. Sie kommen manchmal ganz unerwartet. Dann brauche ich Halt. Um nicht durchzudrehen. Sondern innezuhalten. Und weiterleben zu können.